FluchtgeschichtEN
OSTSEE
DASSOWER SEe

Flucht über die Ostsee

Sie paddelten über die Ostsee, surften und segelten, manche bauten sogar Aqua-Schooter und U-Boote – die Ostseeflüchtlinge. Anderen gelang es, eine Leiter an den Grenzzaun zu stellen und über den Dassower See zu entkommen. Seit am 13. August 1961 das letzte Schlupfloch in Berlin zugemauert worden war, schien der Weg übers Wasser den größten Erfolg zu versprechen. Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung überwand oftmals die Angst vor den Gefahren einer Flucht. 1949 bis 13. August 1961 waren 2,8 Mio. DDR-Bürger in den Westen geflüchtet. Nach dem Mauerbau bis 1989 wurden weitere 1 Mio. Flüchtende gezählt. Um Selbstschussanlagen und Schüssen der Grenzer zu entgehen, wählten immer mehr den Weg übers Wasser. Über 5000 Menschen wagten vom 13.8.1961 bis 1989 eine Flucht über die Ostsee und den Dassower See. Mindestens 174 Menschen kamen bei ihrer Flucht über die Ostsee ums Leben. Über 4500 Menschen scheiterten, jahrelange Haftstrafen waren die Folgen. Etwa 900 Flüchtlinge erreichten ihr ersehntes Ziel in der freien Welt.

Gegen das Vergessen

Pötenitz ist der am weitesten nordwestlich gelegene Ort Mecklenburgs. Wo Meer auf Land trifft, traf nicht nur die Seegrenze der DDR auf die innerdeutsche Grenze, dort trafen Waschauer Pakt und die NATO aufeinander.

Die Grenze rund um den Dassower See, der zu Lübeck gehört, war nur den Sperrgebietsbewohnern bekannt – und den Bundesbürgern. Auf DDR-Karten war der See oft ausradiert. Die Ostsee war für Urlauber wie Einheimische weitestgehend frei zugänglich. Doch das „unsichtbare“ System der Grenzsicherung verhinderte die meisten Fluchten.

Das martialische Grenzregime an Land und auf See und die Versuche, es zu überwinden, stehen im Mittelpunkt meiner Dokumentationen in meinen Büchern, der Ausstellung, auf Gedenkstelen und in meinen Vorträgen. Zeitzeugen berichten von ihren individuellen Erlebnissen.

Ein besonderes Andenken gebührt den Todesopfern der Grenzen. Ebenso erinnere ich an  die Opfer von Zwangsmaßnahmen wie Deportationen aus dem Sperrgebiet und an Opfer politischer Verfolgung.

„So schlimm war es doch gar nicht“ – so oft höre ich den Satz. Doch, es war schlimmer.

Zum Glück brauchst du Freiheit
und zur Freiheit
brauchst du Mut.

PERIKLES

Geglückte Flucht nach
sechs Stunden paddeln

Manfred Schuppenies bei ankunft
nach sechs stunden paddeln

Schweißgebadet schreckt Manfred S. eines Morgens im Frühjahr 1962 aus dem Schlaf. Er sieht die Bilder seines Traumes noch vor sich. Sieht, wie er am Fenster seiner Ostberliner Mietswohnung steht, die, anders als in der Realität, direkt an den Westsektor grenzt. Direkt unter ihm liegt der andere, der freie Sektor der geteilten Stadt. Nur ein Sprung aus dem Fenster, und er wäre in Freiheit. Doch er wohnt im dritten Stock. Ein Seil müsste er haben. Dann kommt ihm die Idee. Er zerreißt Bettlaken und Bezüge in Streifen, dann dreht und knotet er ein Seil daraus. Lang muss es sein. Er verknotet das Betttuch-Seil am Fensterkreuz und lässt es hinab. Ob es hält? Vorsichtig steigt er auf das Fensterbrett, blickt nicht mehr in die Tiefe, fasst das Seil … Er wacht aus dem Albtraum auf, Laken und Bezug sind zerrissen. Am 12. August 1961 feiert der junge Ingenieur Manfred S. in seiner kleinen Ostberliner Wohnung mit ein paar Freunden eine Party. Sie hatten sich während des Sommerurlaubs in Rumänien kennen gelernt. Am 13. August wachen sie erst am späten Vormittag auf. Mit Entsetzen hören sie die Meldungen vom RIAS. »Starke Kräfte der Volkspolizei haben heute Nacht die Grenze zwischen Ost- und Westberlin gesperrt.« Die Grenze ist dicht! Sie fahren ins Zentrum und sehen die Sperren. Militärs, Kampfgruppen, Stacheldrahtverhaue, Panzer und Men- schenansammlungen. »Das kann ja nicht für die Dauer sein«, sagen sie sich. »Und die Amis werden das doch nicht zulassen«, meint Manfred S. »Die werden das mit ihren Panzern wieder niederreißen«, entgegnet einer der Freunde. Doch nichts dergleichen passiert. Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von Westberlin, Bundeskanzler Adenauer und andere westliche Politiker protestieren auf Kundgebungen gegen die Abriegelung Ostberlins. US-Präsident Kennedy will aber keine Panzer schicken. Als Manfred aus den Nachrichten erfährt, dass die USA nicht eingreifen werden, sinnt er auf Flucht. »Wie komme ich hier raus?«, das ist die einzige Frage, die den jungen Ingenieur jetzt beschäftigt. Bei einem Englisch-Kursus lernt er Erich B. kennen. Sie sind sich sofort sympathisch und fassen schnell Vertrauen zueinander. Schon bald reden sie über das wichtigste Thema: Flucht. Auch Erich möchte hinaus. Die Freunde suchen nun gemeinsam nach einem Schlupfloch, ehe die Mauer ganz dicht ist. Ihr gefährliches Vorhaben verlangt unbedingtes gegenseitiges Vertrauen. Doch kennen sich die beiden jungen Männer erst kurze Zeit und jeder könnte ein Spitzel sein. Andererseits suchen so kurz nach dem Mauerbau viele Menschen einen Weg in den Westen. Sie wagen Vertrauen.

Selbstgebaute Surfboards, Aqua-Scooter, Tauchausrüstungen, Paddel- und Schlauchboote – nach der Erstveröffentlichung unseres Buches  „Über die Ostsee in die Freiheit“ 1992 boten zahlreiche Flüchtlinge den Autoren ihre Fluchtgeräte an, die noch in Kellern und Garagen lagerten – und ihre Geschichten dazu. Derartige Zeugnisse von Ideenreichtum und Leidensdruck mussten gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Idee einer Ausstellung war geboren. 

Der Verein „Über die Ostsee in die Freiheit“ wurde gegründet unter dem langjährigen Vorsitz von Dr. Volker Höffer, Leiter der Außenstelle BSTU Rostock, heute Bundesarchiv. Historikerin Christine Vogt-Müller kuratierte die Wanderausstellung, die am 9.11.1999 im NDR-Funkhaus in Schwerin eröffnet wurde. Anschließend wanderten Vereinsmitglieder 15 Jahre lang mit der Ausstellung in über 40 Orte in Deutschland, aber auch Dänemark und Frankreich. 2004 konnten wir auf Einladung des Deutschen Bundestages unsere Ausstellung im Paul-Löbe-Haus in Berlin zeigen, eröffnet von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Seit 2021 ist die Ausstellung in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Rostock zu sehen, heute Dokumentations- und Gedenkstätte.

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen in M-V sowie die Landeszentrale für politische Bildung förderten unser Ausstellungsprojekt. Ihnen und unseren Vereinsmitgliedern sei an dieser Stelle noch einmal für ihr Engagement sehr herzlich gedankt.

www.ostseefluchten.de

 

Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen

Wo einst Grenzzäune und Wachtürme Lübeck und Mecklenburg nahezu unüberwindbar trennten, verwischt heute üppiges Grün die meisten Spuren unserer jüngsten Vergangenheit.

Doch wenige Relikte wie graue Wachtürme oder Betonpfosten im Wald erinnern an Vergangenes. Wer ahnt, dass der Radwanderweg entlang der Ostseeküste als Kolonnenweg für Grenzpatrouillen diente? Wer ahnt, dass sich unter einem Schutthügel am Wegesrand Kasernenreste verbergen?

Die jüngste Geschichte Wanderern und Radlern auf dem Kolonnenweg mit Stelen am Wegesrand zu vermitteln, hatte die engagierte Dassowerin Angela Ratke die Idee:

Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen heißt das Projekt, dass sie 2013 ins Leben rief. Dafür konnte sie Autoren, die Stadt Dassow, die LSTU und weitere Förderer gewinnen. Heute informieren 28 Erinnerungsstelen entlang der ehemaligen Grenze von Lübeck bis Boltenhagen.